Leseprobe: „Latente Talente“

Leseprobe aus dem demnächst erscheinenden Buch von Andrea Landschof.


So wie „Bob der Baumeister“

Ich lag entspannt lesend auf einer  Liege, am Strand auf Kreta, als ich unbeabsichtigt Zeugin eines interaktiven Familienprozesses wurde, der mich danach noch lange beschäftigt hat.

Ein ca. fünfjähriger Junge mit rotem Schlapphut und rosa Schwimmflügeln, rannte  aufgeregt zum  Strandliegeplatz seiner Eltern.

Junge: „Mama, Mama, der Junge da will jetzt einfach der Baumeister sein.“

Mutter (Mutter löst sich nicht von der Zeitschrift, in der sie las): „Wer will Baumeister sein?“

Er zeigte auf die spielenden Kinder am Strand, die mit dem Bau einer Strandburg beschäftigt waren.

Junge: „Na der Junge dahinten bei unserer gebauten Burg.“

Mutter: „Na und?“

Junge: „Ja, aber ich bin doch der Baumeister!“

Mutter: „Ja?“

Junge: „Mensch, ich bin der Baumeister und nicht der!“

Mutter: „Ja, aber was tut er denn Schlimmes?“

Junge: „Der bestimmt jetzt alles, was wir bauen sollen und alles.“

Mutter: „Ja, was denn?“

Junge (mit weinerlicher Stimme): „Na alles! Der bestimmt jetzt auch, was ich bauen soll!“

Mutter: „Ich meine, was hat er dir denn getan?“

Junge (laut und trotzig): Ich will das nicht! Der hat mir meine Arbeit weggenommen!“                                        

Mutter (blättert in ihrer Zeitschrift): „Ja.“

Der Junge begann zu weinen. Der Vater mischte sich zum ersten Mal ein und mahnte seinen Sohn leiser zu sein. Deshalb konnte ich danach den Dialog nicht mehr gut mithören. Die Szene dauerte jedoch noch eine halbe Stunde lang an. Der Junge weinte und  schmollte. Der Vater redete auf ihn ein. Die Mutter schwieg und las weiter in ihrem Buch.  

Irgendwann  rief der Junge: „…und meine rote Schaufel iegt auch noch bei dem neuen Baumeister! Aber zu dem gehe ich jetzt nicht mehr hin.“

Vater: „Du holst sie jetzt. Wir wollen aufs Zimmer gehen.“

Junge (schluchzt): „Nö.“

Der Vater ging schließlich zur „Baustelle“ und  umkreiste  in größerem Abstand die bauenden und spielenden Kinder, unter denen inzwischen auch ein erwachsener Mann war. Die rote Schaufel wurde von einem der Kinder benutzt. Der Vater kam  nach wenigen Minuten unverrichteter Dinge zurück. Die Mutter hat  inzwischen die Strandsachen eingepackt.

Junge (weinend): „Meine Schaufel?“

Vater: „Wir kaufen dir  eine neue.“ Er nahm seinen weinenden und quengelnden Sohn an die Hand und zog ihn mit sich, weg vom Strandplatz.

Diese Szene hat mich berührt. Was der kleine Junge wohl mit dieser Erfahrung, die er am Strand von Kreta gemacht hat, anfangen würde? Hat er gelernt, dass es nicht lohnenswert ist, sich für seine Rechte einzusetzen? Wie wäre die Szene wohl verlaufen, wenn die Mutter dem Jungen Raum für seine Gefühle gegeben hätte. Wenn sie seine Wut und seine Enttäuschung gesehen und anerkannt hätte? Wie wäre der Tag am Strand für den Jungen wohl ausgegangen, wenn die Mutter ihn ermutigt und die Erlaubnis ausgesprochen hätte, seine eigenen Ideen zu entwickeln und auszuprobieren. Gleichgültig, ob er nun seinen Baumeisterposten oder seine rote Schaufel zurück bekommen hätte oder eine ganz andere positive Lösung für ihn gefunden worden wäre: Er hätte positive Erfahrungen mit seiner Selbstwirksamkeit machen können.

Ich würde zu gerne wissen, wie sich das innere System der Ichzustände des kleinen Jungen, den ich im Sommerurlaub am  Strand von Kreta mit seiner Familie beobachtet habe, entwickelt. Ob er die Chance ergreift, und zu einem mutigen und wehrhaften Erwachsenen heranwächst? Oder wird er die Haltung und Denkweise seiner Eltern übernehmen, speichern und verinnerlichen?

In der Analogie zur Kinderserie: „Bob der Baumeister“, steht bei der  Konfliktauflösung die Teamarbeit und  soziales Verhalten im Vordergrund. Die sich wiederholend  zweifelnde Frage „Können wir das schaffen?“ („Can we fix it?“)  wird  im Chor mit einem zuversichtlichen „Yo, wir schaffen das!“ („Yes we can!“) beantwortet. Diese Zuversicht, vermittelt durch die Eltern, hätte dem  kleinen Jungen sicherlich gut getan. Aus Sicht der Transaktionsanalyse  hat der  kleine Junge vom Strand später im  Leben trotzdem noch die Wahl, sich für die „Yo, wir schaffen das!“ Variante  zu entscheiden.

 


 

© Andrea Landschof

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