Stabil bleiben, wenn sich die Welt permanent dreht
Über Neuanfänge, Wissensflut und die Kunst, in Übergängen handlungsfähig zu bleiben
Neuanfänge haben eigentlich einen guten Ruf. Sie klingen nach frischer Luft, nach Aufbruch, nach „jetzt wird alles anders“. Im Wörterbuch steht sinngemäß genau das: ein erneuter Beginn, etwas von vorn starten. Ordnung. Neustruktur. Neustart.
Und dann kommt das echte Leben.
Denn ein Neuanfang ist selten ordentlich. Zumindest verlief er bei mir nicht so. Er ist oft ein Gemisch aus Hoffnung und Überforderung, aus Lust auf Entwicklung und dem heimlichen Wunsch, es möge bitte einmal kurz nichts passieren. Viele Menschen sind nicht gegen Veränderung. Sie sind nur gegen zu viel Veränderung gleichzeitig. Und gegen das Gefühl, dass sie nicht mehr selbst entscheiden, was sie lernen, können, wissen müssen, sondern dass das Lernen sie jagt.
Ich beobachte seit Jahren ein Phänomen, das kaum jemand offen ausspricht: Immer wieder neu anfangen ist auch anstrengend. Es kostet Energie, Identität, Orientierung. Und es bringt eine Frage nach vorn, die im Alltag gerne überdeckt wird.
Wie bleibe ich stabil, ohne starr zu werden?
Hermann Hesse hat diesen berühmten Satz geprägt. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Der Satz tröstet, weil er Hoffnung verspricht. Gleichzeitig lohnt sich eine erwachsene Ergänzung: Der Zauber ist real. Und die Erschöpfung auch.
Wir leben zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“.
Viele Neuanfänge beginnen nicht nur mit einem Startschuss, sondern auch mit einem inneren Kippen. Etwas passt nicht mehr. Eine Rolle fühlt sich eng an. Ein Tempo wird zu hoch. Eine Logik, die früher funktioniert hat, trägt plötzlich nicht mehr.
Ich nenne diesen Zustand gern eine schwebende Zeitzone. Sie liegt zwischen dem, was innerlich schon nicht mehr stimmt, und dem, was äußerlich noch nicht begonnen hat. Du weißt, dass du etwas verabschiedest. Du weißt aber noch nicht, wie dein „Danach“ wirklich aussieht.
Und genau diese Zwischenzeit macht müde. Nicht nur wegen der Unklarheit, sondern wegen der fehlenden Struktur. Übergänge sind strukturell dünn. Sie bieten wenig Halt für Entscheidungen, Routinen, Selbstbild.
Warum Übergänge so schnell Alarm auslösen
Wenn viele Dinge gleichzeitig in Bewegung geraten, reagiert unser System irgendwann nicht mehr mit Neugier, sondern mit Alarm. Biologisch passiert dann etwas sehr Konkretes: Dein Nervensystem prüft im Hintergrund fortlaufend, ob die Lage sicher ist oder nicht. Sobald Veränderungen sich häufen, Unvorhersehbarkeit steigt oder du innerlich keinen festen Boden mehr spürst, schaltet das System von Exploration auf Schutz. Das ist ein archaisches Sicherheitsprogramm.
Im Alarmmodus übernehmen Stresssysteme die Führung. Das autonome Nervensystem fährt hoch, Stresshormone werden vermehrt ausgeschüttet und deine Aufmerksamkeit verengt sich. Du wirst schneller, wacher und reaktiver. Das ist kurzfristig hilfreich, weil es in Gefahr handlungsfähig macht. Langfristig wird es jedoch teuer.
Denn dauerhafte Neuanfänge bedeuten für das Gehirn, sich dauernd neu zu sortieren, dauernd neu zu bewerten, dauernd neu zu entscheiden. Und genau das kostet enorme Energie. Das kognitive System arbeitet im Hintergrund wie eine ständig laufende „Update-Schleife“. Es gibt weniger Kapazität für Kreativität, Weitblick und Gelassenheit, weil das System permanent damit beschäftigt ist, die Komplexität zu reduzieren und Kontrolle zurückzugewinnen.
Psychologisch zeigt sich das oft so:
- Das Denken wird entweder kreisend („Was, wenn…?“) oder hart fokussiert („Ich muss das jetzt lösen.“).
- Das Gefühlsspektrum verengt sich und die Reizbarkeit nimmt zu.
- Entscheidungen werden schwerer, aufgrund der Erschöpfung durch Daueranpassung.
- Und nicht selten entsteht Entfremdung von sich selbst, weil man ständig reagiert, statt gestaltet.
Neurobiologisch heißt das, dass unser System nicht nur Reize und Entwicklung braucht, sondern auch Regeneration. Pausen sind eine Voraussetzung dafür, dass Erlebtes verarbeitet werden kann. Erst in Phasen von Ruhe kann das Gehirn Eindrücke integrieren, Wichtiges von Unwichtigem trennen, und wieder in einen Zustand zurückfinden, in dem Neugier und Lust auf Neues überhaupt möglich sind.
Wenn dauernd etwas „neu“ ist, reagiert unser System nicht nur mental, sondern sehr grundsätzlich. Die Transaktionsanalyse liefert dafür ein klares Raster: Berne spricht von drei menschlichen Grundbedürfnissen, die in Umbruchzeiten schnell unter Druck geraten.
Da ist zuerst der Strukturhunger. Wir brauchen verlässliche Ordnung, Wiederholungen, einen inneren Takt. Wenn sich Regeln, Tools, Rollen und Erwartungen ständig verschieben, fehlt genau dieser Takt. Unser Nervensystem bleibt in Habachtstellung, weil es nichts gibt, worauf es sich wirklich einstellen kann.
Dann der Anerkennungshunger. In dauernden Neuanfängen sind viele Menschen permanent Lernende. Sie beginnen wieder auf neuen Spielfeldern, ihre Kompetenz ist weniger sichtbar, Resonanz wird seltener oder oberflächlicher. Das kann an der Selbstwirksamkeit nagen, bis man sich innerlich als „zu wenig“ fühlt.
Und schließlich der Reizhunger. Menschen brauchen Stimulation, ja. Aber bitte dosiert. Wenn wir zu viel Input, zu viele Optionen und zu viele parallele Anforderungen erleben, kippen wir schnell in Überreizung. Der Kopf ist dann voll wird voll und das Gefühl wird flach, die Geduld dünn.
Nicht jede Erschöpfung ist ein persönliches Problem. Manchmal ist sie ein Signal, dass Struktur, Anerkennung und Reiz gerade nicht mehr im gesunden Maß vorhanden sind.
Fünf Impulse, die sich in Übergängen bewährt haben:
Erstens
Gib dem, was endet, einen Namen. Übergänge werden leichter, wenn du präzise benennen kannst, wovon du dich verabschiedest. Zum Beispiel von einer Rolle, in der du nur noch funktionierst. Oder von einem Tempo, das dich dauerhaft überfordert.
Zweitens
Leih dir Boden aus deiner eigenen Geschichte.
Wenn die Zukunft noch keinen festen Grund hat, hilft es, sich zu erinnern, wodurch du früher getragen wurdest. Drei Träger reichen. Menschen, Orte, Strukturen, innere Haltungen. Was hat dich damals geerdet, als es wackelte.
Drittens
Begrenze die Anzahl gleichzeitiger Baustellen.
Viele unterschätzen das brutal. Wenn Job, Gesundheit, Beziehung und Wohnsituation gleichzeitig wackeln, braucht es Prioritäten und Schutz. Nicht alles lässt sich „gleichzeitig lösen“. Ein „erwachsenes“ stimmiges Nein ist manchmal die Voraussetzung dafür, dass du überhaupt handlungsfähig bleibst.
Viertens
Sorge für gute menschliche Spiegel.
Übergänge brauchen Resonanz. Menschen, die dich nicht klein reden aber auch nicht dauerhaft pushen, sondern die dir helfen, klarer zu sehen. Gute Spiegel machen den Unterschied zwischen einem chaotischen Umbruch und einem gestaltbaren Übergang.
Fünftens
Wähle einen persönlichen Anker, der bleibt.
Eine Routine, ein Ort, ein Termin, ein Ritual. Etwas Verlässliches. Dein Nervensystem braucht Signale, dass nicht alles gleichzeitig kippt. Stabilität entsteht oft durch einen einzigen verlässlichen Punkt im Tag oder in der Woche.
Ein Zusatz, der gerade heute wichtig ist
Wenn du dich überflutet fühlst von Wissen, Tools, Trends, Debatten, dann verschreibe dir selbst eine Art Erneuerungs- und Wissensdiät. Stelle dir die bewusste Frage und treffe eine Entscheidung:
Welche Erneuerungen und Informationen nähren meine Orientierung und welche füttern nur meine Unruhe?
Und jetzt interessiert mich wirklich: Woran merkst du bei dir gerade, dass „so wie bisher“ nicht mehr passt?
👉 Melde dich gerne für einen unverbindlichen Talk mit mir ➡️ hier.